Marcel Beyer – Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben

Aus Anlaß der Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ‹Peter Zumthor – Dear to Me› hat Marcel Beyer einen Text verfaßt. Er fragt, wie sich die Wahrnehmung der äußeren Welt auf die innere Welt auswirkt. Er berichtet von den Fahrten an einen Ort, den der Protagonist immer von außen, aus dem Zug bei Bahnfahrten, gesehen hat. Wie sieht der Ort bei näherer Betrachtung aus? Welche Bilder, welche Erinnerungen stellen sich ein? Dann gibt es ein merkwürdiges Niemandsland, in dem scheinbar nichts geschieht, nichts Ins-Auge-Fallendes, noch nicht einmal ist hier Raum für die Krimilandschaftswalze, die landauf, landab eine ganze Maschinerie in Gang setzt, und doch stellte man dort im Museum den Aufbruch ins Weltall nach, als den Ausbruch aus der Gegenwart der 1960er Jahre. Eine beklemmende Reise führt nach Japan und in die gerade geöffnete Sperrzone um Fukushima. Die japanischen Freunde schweigen und verschließen ihr Inneres, der Protagonist erlebt den Schock zu denken, daß die aufgelassenen, wüst gewordenen Häuserräume doch noch in sich ein Leben haben. Das Sprechen, die Äußerung, das Entäußern beginnt erst in dem Moment, als außerhalb des ehemaligen Sperrgebietes wieder ein Kind in der Welt zu sehen ist.

Anupama Kundoo – Wissen bauen, Gemeinschaft bauen

Eine höhere Lebensqualität zu verwirklichen ist das Ziel, das sich Anupama Kundoo mit ihrer Arbeit, ihren Forschungen und ihrer Lehrtätigkeit gesetzt hat. Nachdem sie 2016 im Rahmen des Literatur- und Musikfestes ‹Wege durch das Land› die Rede zur Architektur hielt, ist nun das Buch dazu erschienen, herausgegeben von FSB Franz Schneider Brakel. Es enthält einen Essay von Anupama Kundoo über Bauen zu erschwinglichen Preisen und ein Gespräch mit Brigitte Labs-Ehlert.
Anupama Kundoo ist eine visionäre Architektin, die global denkt, lokal handelt und individuelle Lebensweisen unterstützt. Das Gebot der Stunde sei, Lösungen für echte Probleme zu finden, wie sie die Urbanisierung und das Bevölkerungswachstum darstellten. Größte Sensibilität ist notwendig, um die globalen Folgen des Handelns kritisch zu bedenken und beim Bauen Kosten, Zeit und Material zu reduzieren. ‹Die Hände sind unser intelligentestes Werkzeug› sagt Anupama Kundoo. In ihren Projekten experimentieren, analysieren und bauen indische Handwerker und europäische Ingenieure gemeinsam.  Handwerk und Hightech befruchten sich gegenseitig, so können schlichte, funktionale und ästhetisch ansprechende Gebäude zu einem erschwinglichen Preis entstehen. Ihre Architektur aus einfachsten Elementen und Modulen ist zugleich die Hülle für ganz unterschiedliche individuelle Lebensführungen, die Anupama Kundoo als Wunsch nach Ordnung und Spontaneität beschreibt – als das Lebensgefühl einer Generation, die mit fortwährenden Wandlungen und Veränderungen konfrontiert ist. Wie sich dafür der Baustoff Ferrozement besonders gut eignet, begründet Anupama Kundoo in ihrem Essay.
Vor einhundert Jahren stand die Architektur nicht nur in Europa vor neuen gewaltigen Herausforderungen, die die Stadtplanung, den Siedlungsbau und neues Wohnen für jedermann betrafen. Dabei nutzten wegweisende Pioniere wie Walter Gropius und Bruno Taut Erfahrungen, Kenntnisse und Wissen aus Asien für ihre neuen Ideen. Anupama Kundoo sieht die Architektur heute vor einem ähnlichen Scheidepunkt. In ihren Antworten auf Bruno Taut und Walter Gropius  entwickelt sie ihren Standpunkt. Bei ihr gibt es ‹fröhliche› Farben – Bauen ist ein elementarer, sinnlicher, ja körperlicher Vorgang, der Freude bereitet, weil er Wissen und Gemeinschaft stärkt: Building Knowledge.

Fröhliches Bauen

David Adjaye Geographien

Als sein vielleicht wichtigstes Projekt bezeichnet David Adjaye das Smithsonian National Museum of African American History and Culture in Washington, D. C., das auf dem letzten freien Grundstück der National Mall, der Promenade der amerikanischen Memori- als, gebaut und im September 2016 mit einem Staatsakt eröffnet wurde. Mit Bildern aus der achtjährigen Bauphase beendete er seine ‹Rede zur Architektur›, die er ein Jahr zuvor im Rahmen des Literatur- und Musikfestes ‹Wege durch das Land› gehalten hat und die seit 2003 gemeinsam mit FSB Franz Schneider Brakel durchgeführt wird. Wie drei ineinander gesteckte, auf dem Kopf stehende Pyramiden wirkt der Bau, der sich auf eine Skulptur des Yoruba-Bildhauers Olowe von Ise bezieht – die Yoruba waren die größten Künstler während der Epoche, in der 11 Millionen Afrikaner versklavt wurden. David Adjaye ist mit lokaler afrikanischer Kultur und Geschichte vertraut und beeinflußt von zeitgenössischer Kunst, Musik, Wissenschaft und einer internationalen Urbanität. Geboren in Tansania als Sohn ghanaischer Eltern, verlebte er Kindheit und Jugend in Ägypten, Jemen und Saudi-Arabien. Sein Weg als Architekt begann in Europa, führte in die U S A , nach Asien, in den Nahen Osten und wieder zurück nach Afrika.
Seine architektonische Arbeit profitiert von den umfangreichen Studien, die er in den verschiedenen Regionen Afrikas unternommen hat. Er analysierte, wie die aus dem Westen kommende Moderne Bezug nimmt auf die Geographie des Ortes. Er entwickelt dar- aus seine Philosophie des Entwerfens und bezeichnet sie als humane, menschliche Geographie, die neben den topographischen und klimatischen Faktoren soziale, kulturelle, wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Seine öffentlichen Gebäude betrachtet er als Zentren, in denen Erinnerungen und emotionale Ergriffenheit möglich werden, Ge- bäude, die mit den Menschen zu tun haben, die sie benutzen.

Ausgehend von Zitaten des 1991 verunglückten Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser nimmt David Adjaye im zweiten Teil des Buches dezidiert Stellung zur Stadtentwicklung in den verschiedenen afrikanischen Regionen. Vilém Flusser stellte die Entwicklung des öf- fentlichen und des privaten Raums in der westlichen Welt dar und dachte über eine Neukonzeption der Städte nach. David Adjaye betont die lange Tradition paralleler Ökonomien und Strukturen in Afrika. Diese Vielfalt und Hybridität könne der Westen von Afrika lernen. Aufgabe der Architektur heute sei, Quartiere zu entwerfen, in denen Privatraum und öf- fentlicher Raum interagieren, und Gebäude mit möglichst vielfältiger Nutzung zu bauen. Seine Bauten sind dialogisch: sie reagieren auf den Ort und schaffen Räume, die nur kol- lektiv erlebt werden können.