Die ganze Ilias

von der bitternis sing, göttin

Homers ‹Ilias› fasziniert ungebrochen – nicht das Kriegsgeschehen und das Spiel, das die Götter mit den Menschen treiben, ist für uns heute das Entscheidende, sondern der Respekt gegenüber anderen, sogar gegenüber dem Gegner, das Aufstellen und Einhalten von Regeln, die Achtung der Vorbilder, das Üben von Kritik, taktisches und strategisches Denken, der demokratische Umgang mit Verbündeten, der Versuch, eine Sprache ohne Mißdeutungen zu sprechen, bis hin zu Versöhnungsangeboten und dem Umgang mit menschlichen Schwächen und dem Zügeln der Leidenschaften – das ist Basiswissen für heute. Um die einzigartige poetische Kraft des Originals lebendig werden zu lassen, übersetzt jede Generation die ‹Ilias› neu. Der österreichische Literaturhistoriker, Dichter und Übersetzer Raoul Schrott hat die Ilias ab 2005 neu übersetzt. Damit liegt wieder eine zeitgemäße Fassung des bis heute die ganze Welt interessierenden Werkes von Homer vor. Zugleich hat Raoul Schrott mit seinen Erkenntnissen zur Entstehung der Ilias und zum Bild Homers die Fachwelt und die Öffentlichkeit elektrisiert – ein Kulturtransfer von der Antike in die Gegenwart.

‹Die Heimkehr der Sänger

Ein homerisches Lesefest auf Schloß Corvey

(…) In Corvey stand die Erkenntnis im Raum, daß das, was als Kulturtransfer aus der Antike bezeichnet wird, zwischen Himmel und Erde einen Reichtum hervorgebracht hat, der seinesgleichen nicht hat. Mit dem, was als Gründungsmythos des Abendlandes bezeichnet wird, verbanden sich aber, darauf machte der Zürcher Professor für Alte Geschichte Christoph Ulf, aufmerksam, bis auf den heutigen Tag fatale Absichten, Machenschaften der ideologischen Art, historische Stilisierungen, nationalstaatliche Imperative. Europa sei ‚bis in die Gegenwart ein Konstrukt’, ein Raumkonstrukt, und Räume sind nicht etwa überzeitliche oder überhistorische Ideale, sondern von berechnend-staatsmännischen Interessen angestrengte Ideen. Mag die Attraktivität des aristokratisch-agonalen Prinzips des deutschen Bildungsbürgers auch abgesunken sein, äußerte Ulf dennoch die Vermutung, daß die für die konservative Homer-Exegese stets verbindliche geistesadelige Lesart ‚subkutan’ auch in Corvey seine Wirkung tue – als attraktives Denkmuster, als Bemühung um europäische Heimatkunde in den Grenzen Griechenlands von vor 2500 Jahren. (…) Umso großartiger die Idee, für Schrotts Neuübertragung so etwas wie einen Empfang zu geben; früher hätte man vielleicht von einer Uraufführung gesprochen, mit der die Lesungen der 24 Bücher durch Vorträge und Gespräche, und wiederum die gelesenen Gesänge musikalisch begleitet wurden.›

Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 1. September 2008

‹Von der Bitternis sing, Göttin

Homer kommt nach Höxter, die Weser fließt in die Ägäis: Auf Schloß Corvey erlebt die neue Übersetzung der ‚Ilias’ von Raoul Schrott ihre Uraufführung

(…) Eingerichtet von Brigitte Labs-Ehlert, die damit ihre ‚Wege durch das Land’ ins Ziel bringt, erstreckt sich der Lese-Marathon über neun mehrstündige Blöcke an drei Tagen: Interpunktiert von Vorträgen und musikalischen Einschüben. Corvey ist für dieses Unternehmen prädestinierter, als der erst 2004 restaurierte Kaisersaal ahnen läßt, überliefert ein karolingischer Fries in der Emporenkirche doch die hierzulande älteste Darstellung. (…) Sprachmächtig und poetisch, bringt Schrotts Fassung das Kunststück fertig, Homer ins Heute zu holen, ohne ihm seine Fremdheit zu nehmen, die Vielstimmigkeit der Vorlage zu entfalten, sich ihrer Musikalität anzunähern und hinter der Dramatik der Vorgänge die Psychologie der Charaktere zu erfassen. Ebendas macht sie, wie in Höxter faszinierend dargelegt, für Schauspieler zur Herausforderung. Eben damit vermag sie die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen.›

Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. September 2008

‹Die Ilias lebt

Raoul Schrott hat Homer und seinem Epos ein Gesicht gegeben. Das hat ein Lesemarathon auf Schloß Corvey bewiesen

(…) Homer hat den 44jährigen (Raoul Schrott) in seinen Bann gezogen, und damit ist er nicht allein. Ein vollbesetzter Saal in Corvey und der Mangel an Griechischlehrern an deutschen Schulen sprechen für sich. Doch bevor an diesem Wochenende Achilles und Agamemnon in Ostwestfalen gegen die Trojaner in die Schlacht ziehen, herrscht die philosophische Rhetorik auf dem Podium, angeführt von Peter Sloterdijk. Warum haben die Griechen Konjunktur und die Römer, Assyrer oder Araber? Warum würde eine Neuübersetzung von Baudelaire weit weniger Aufsehen erregen als die ‚Ilias’?›

Jenni Roth, Die Welt, 1. September 2008

‹Gemetzel am Weserstrand

Jetzt ist es bewiesen: Troja liegt in Ostwestfalen

(…) Am Ende schritten die glücklich erschöpften Teilnehmer zum abschließenden Festmahl. Des vielen Waffengeklirrs war gestern Nachmittag endlich genug, das ‚Ilias’-Gebirge bezwungen, Patroklos und Hektor zwar tot und Achill todgeweiht, aber die Wanderer haben alle Strapazen überstanden und werden allen, die nicht dabei waren, noch lang erzählen, wie das war, als Sibylle Canonica über einem Waffenkatalog in helles Lachen ausbrach, wie Angela Winkler der Muse gleich sang, wie Hans-Michael Rehberg donnergrollte und Markus Stockhausen und Tara Bouman dazu Trompete und Klarinette spielten. Nur Raoul Schrott, der genialische Bergführer, ist nach diesem Wochenende widerlegt: die Troas Homers liegt nicht in Kilikien und auch nicht am Hellespont, sondern mitten in Deutschland, im östlichsten Ostwestfalen, ganz genau: in Corvey.›

Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung, 1. September 2008

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