Über Hölderlin sprechen

‹Holprig ist der Weg zum Mythos

(…)  Der Welt entrückt, abgeschirmt von ihrem Lärm und ihrem Chaos, mutet Bad Driburg auch heute an, ein irdisches Paradies, in dem alles, als könnte es nicht anders sein, seinen Platz zu haben scheint. Und doch kann dieser Ort zum Mittelpunkt der Welt werden, wenn Hölderlin, und sei es für drei Tage, hierher zurückkehrt und in den Rang gehoben wird, den er für Dichter, Philologen, Komponisten, Librettisten, Musiker, Schauspieler, Verleger und nicht zuletzt Leser heute einnimmt. Nichts Geringeres ereignete sich, als Brigitte Labs-Ehlert vom Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe dazu einlud, ‚Über Hölderlin’ zu sprechen: Wirkweisen des Werks und künstlerische Auseinandersetzungen, zu denen es herausfordert, trafen zusammen. Hölderlin als Universum.

Über Hölderlin sprechen

Vielleicht eignet sich der Ort, an dem der Dichter die wohl glücklichsten Wochen seines Erwachsenenlebens verbrachte, wie kein anderer dafür, ihm mit der Heiterkeit zu begegnen, die, wie der schwedische Schriftsteller und Übersetzer Aris Fioretos hervorhob, seinem OEuvre auch zu eigen ist. Zunächst aber waren Ausläufer eines Bebens zu spüren, dessen Epizentrum in Berlin lag. Der Streit um Werner Ruznickas Musiktheater ‚Hölderlin. Eine Expedition’ verschob die Uraufführung des Librettos von Peter Mussbach, in einer Lesung des Autors, unversehens nach Bad Driburg: Hölderlin als Navigator für die Suche eines neuen, anderen Lebens. Die innere Stimme, die darin spricht, trifft schließlich Empedokles, und der Schauspieler Jürgen Holtz nimmt dies, das Fragment ‚Der Tod des Empedokles’ rezitierend, auf. Mit seiner hellen, die Verse kantig herausmeißelnden Stimme lässt er förmlich den Sand Brandenburgs unter den Füßen des antiken Philosophen knirschen, als wollte er Hölderlin in die Nähe der preußischen Klassik rücken: Kleist und Hölderlin als Zeitgenossen der Jahre 1800 bis 1806 – in seiner Rede ‚Vor der Grenze in der Zeit’ komponierte Dzevad Karahasan aus beider Gegensätze und Gemeinsamkeiten ein Doppelporträt, das den Epochenbruch auslotete.

‚Hälfte des Lebens’: Das Gedicht reichte aus, um Hölderlin in gerade mal vierzehn Zeilen um die Welt reisen zu lassen, denn seine Übersetzer stellten es auf Englisch, Schwedisch, Arabisch und Italienisch vor: Half of life, Hälften av livet, Al-hubz wa-‚l-hamr, Metà della vita. Doch mehr noch als die fremdsprachigen Versionen, die abzugleichen wohl keiner im Saal in der Lage war, berührten die biographischen Folgen, die die Begegnung mit Hölderlin für die Übersetzer hatte: für den zweiundachtzigjährigen Christopher Middleton, den ein Besuch in Bad Driburg 2006 dazu brachte, seine Übertragung von 1972 einer grundlegenden Revision zu unterziehen; für Aris Fioretos, der berichtete, wie ihm als Schweden mit österreichisch-griechischen Eltern der kulturelle Transfer geradezu in die Wiege gelegt wurde; für den siebenundachtzigjährigen Fuad Rifka, der im Beiruter Goethe-Institut eine deutsch-englische Ausgabe von Rilkes ‚Duineser Elegien’ in die Finger bekam, das Buch fasziniert mit nach Hause nahm, daraufhin zum Studium nach Deutschland ging, in Tübingen über Heideggers Ästhetik promovierte und hierüber Hölderlin zum ‹Freund› gewann; schließlich für Luigi Reitani, den das Angebot eines großen Verlages, die erste italienische Ausgabe der Gedichte zu edieren, in ein mehrjähriges Abenteuer stürzte.›

Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2008

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