Lesende Künste
Die letzten Tage der Menschheit
Die Tage der Lesenden Künste werden vom 25. bis 29. Nov. 2020 in Schwalenberg stattfinden. Im Mittelpunkt steht die Realsatire ‹Die letzten Tage der Menschheit›, mit der Karl Kraus auf die Katastrophe des Ersten Weltkrieges antwortete, mit dem die Welt neu geordnet wurde und deren Neuordnung bis heute weitere Konflikte mit sich bringt. Auszüge aus dem Versailler Vertrag werden mit Beispielen aus dem Westfälischen Frieden verglichen und als literarische Zeugnisse gelesen. Mit Peter Waterhouse, Schriftsteller, Hans Kremer, Schauspieler, Michael Riessler, Komponist und Musiker.
Teilnehmergebühr inkl. Verpflegung 200 €
in D – 32816 Schwalenberg in verschiedenen Fachwerkhäusern der Stadt
Exkursionen zum Kloster Falkenhagen und zum Schloß Wendlinghausen
Beginn am 25. 11. 2020, 18.00 Uhr
Ende am 29. 11. 2020, 15.00 Uhr
Wer die Teilnehmergebühr und die Unterbringungskosten wegen Ausbildungs- und Übergangszeiten nicht aufbringen kann, für den besteht die Möglichkeit, ein Stipendium zu beantragen, das die Teilnehmer- und Aufenthaltskosten (Übernachtung im Gilde-Haus) deckt. Bewerbung mit einseitigem Motivationsschreiben und Lebenslauf bis 15. Oktober 2020 an Brigitte Labs-Ehlert: eu.lab@icloud.com
Anmeldung und Buchung bis zum 15. Oktober 2020 unter eu.lab@icloud.com
Europäisches Laboratorium e.V. Schwalenberg,
Kontakt 05284 94 39 473
Eine apokalyptische Theatervision hatte Kraus vor Augen, als er sein Monumentalwerk verfaßte. 800 Druckseiten umfaßt das Original, das nie für das Theater geschrieben war. Karl Kraus bewegten Zorn und Ekel über die Kriegsmaschinerie. Zum ersten Mal verrieten sich Journalisten durch ihren Sprachgebrauch als Werkzeuge der Propaganda. Das Werk zeichnet in fünf Akten – jeder Akt steht für ein Kriegsjahr – Hunderte von Szenen und mit einem enormen Personenaufwand die Tragödie der Menschheit im Ersten Weltkrieg nach. Am Schluß der Kriegschronik wird die Menschheit von Marsbewohnern durch einen zerstörerischen Regen vernichtet.
Sich mit dieser Collage, einem Flechtwerk aus Dialekten, Dialogen, Monologen, Bühnenanweisungen, aus Gedichten und Gesängen, zu beschäftigen heißt, sich mit der öffentlichen Sprache auseinanderzusetzen. Wie verhalten sich Sprache und Wirklichkeit zueinander, wo sind verbale Unsicherheiten, wo dominiert die Lüge und Phrase. Wo und wie wird die Sprache in Kriegszeiten demoliert, wo und wie drückt sich das Gewalttätigsein der Sprache aus: in der Phrase?
Elias Canetti gibt einen Hinweis, wenn er betont, daß bei Karl Kraus die Sprache eine Raserei ist und der Schrecken eines jeden Krieges im Wort zu finden ist: ‹Es gibt zwei Arten, die Letzten Tage der Menschheit zu lesen: einmal als die peinigende Einleitung zu den wirklich letzten Tagen, die uns bevorstehen; dann aber auch als ein Gesamtbild dessen, was wir von uns abtun müssen, wenn es nicht zu diesen wirklich letzten Tagen kommen soll. Am besten wäre es, man fände die Kraft, dieses Werk zu verschiedenen Gelegenheiten verschieden, nämlich auf beide Weisen zu erleben.›
Karl Kraus‘ Werk kollektiv zu lesen, stellt genau diese von Canetti angesprochenen verschiedenen Gelegenheiten dar. Sein Werk fragt nach der Verantwortlichkeit, nach der Wörtlichkeit; Kraus weist nach, was wirklich gesagt wurde, denn über ein Drittel des Textes ist aus Zitaten montiert: ‹Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.› Nachdem Kraus angesichts des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges und der Kriegs-Hysterie sich zunächst Schweigen auferlegte: ‹Wer etwas zu sagen hat, trete hervor und schweige!›, wird er von dem ihm liebsten Menschen Sidonie von Nádhény aufgefordert zu reden. ‹Aus dieser Erschöpfung nun ist noch ein Funke entsprungen, und es entstand der Plan zu einem Werk, das … gleichbedeutend wäre mit Preisgabe. Gleichwohl und eben deshalb muß es zu Ende geschrieben werden.› Wenn er es nicht hinausschreit, muß er daran ersticken. Statt Weghören, hört er die Stimmen, die es gab. Die Poesie ist aufgerufen, auf die historische Situation zu reagieren.

Die Lesenden Künste, 2012 von Peter Waterhouse, Schriftsteller und Übersetzer, und Brigitte Labs-Ehlert gegründet und konzipiert, haben eine neue Heimat auf dem Gelände der Stiftung Nantesbuch im Voralpenland gefunden. Das Lange Haus, auf einem Hügel gelegen, umgeben von Wiesen und Weiden, Wald, Mooren und mäandernden Bächen, mit weitem Blick in die Alpen, ist dafür ein geradezu idealer Ort, denn es verfügt neben einer Bibliothek, einem Musik- und Kaminzimmer über schöne Veranstaltungsräume und ist zudem ein großzügiges Gästehaus. Im Mittelpunkt des geduldigen Lesens steht das Werk von Inger Christensen, die sich die Bauprinzipien der Natur zur Grundlage ihrer literarischen Kompositionen nahm.
Peter Waterhouse, die Schauspielerin Barbara Nüsse sowie die Musiker und Komponisten Thomas Kürstner und Sebastian Vogel leiten die Meisterklasse.
http://stiftung-nantesbuch.de/programm/veranstaltungen/formate/meisterklasse
